Einzelkämpfer, vernetzt Euch!

Gut vernetzt statt allein am Pult: Der Internationale Chorleiterverband (ICV) will Bewegung in die Chorleiterszene bringen
Quelle: Neue Chorzeit, September 2008

Was ist so schön am Singen im Chor? Die Gemeinschaft, die Freude am gemeinsamen Singen ist die häufigste Antwort auf diese Frage. Doch wer steht außerhalb, nämlich vor der Gemeinschaft, und hat sich darum zu sorgen, dass der gemeinsame Gesang nicht nur Spaß macht, sondern auch noch recht ordentlich klingt? Der Chorleiter oder die Chorleiterin, verantwortlich für das Repertoire, die Programmgestaltung, den Probenablauf, die Motivation der Sänger – alles in allem für die Qualität der Musik, die sein Chor hervorbringt. Natürlich steht er nur räumlich gesehen einsam und allein vor der Chorgemeinschaft – er ist ein wesentlicher Teil von ihr. Doch das geläufige Bild vom Chorleiter als Einzelkämpfer kommt nicht von ungefähr – er ist schlicht und einfach der einzige, der in diesem Chor diesen Job innehat. Dass Chorleiter in ihrer exponierten Stellung vor (und für) den Chor nicht völlig auf sich allein gestellt sind, ist das Anliegen des Internationalen Chorleiterverbandes (ICV), eine „echte Interessensvertretung für Chorleiterinnen und Chorleiter“, wie es ihr erster Vorsitzender Matthias Merzhäuser formuliert: „Viele Chorleiter arbeiten als Einzelkämpfer und vermissen Möglichkeiten der kollegialen Zusammenarbeit.“

Dieses Problem kennt der 45-Jährige aus dem Siegerland aus eigener Erfahrung, seit 1982 als Chorleiter tätig, derzeit für 10 Chöre aller Gattungen. „Wir wollen Ansprechpartner für alle Chorleiter sein, ob haupt- oder nebenberuflich tätig. Auch wer nur einen Chor leitet und bisher noch nie in einem Verband organisiert war, ist bei uns gut aufgehoben.“

Service-Agentur für Chorleiter

Merzhäuser versteht den ICV als Service-Agentur für alle Bereiche des Chorleiterberufs. Er steht seinen Mitgliedern in handfesten organisatorischen Fragen mit Rat und Informationen zur Seite, besonders in Vertrags-, Rechts- und Steuerangelegenheiten. „Gerade bei den Themen Recht und Steuern haben wir inzwischen einige Erfahrung“, erklärt Merzhäuser. Vor kurzem hat der Rechtsanwalt des Verbandes den überarbeiteten und angepassten Chorleitungsvertrag für Freiberufler fertig gestellt, der über die Geschäftstelle des ICV angefordert werden kann – „ein faires Papier, das die Interessen der Chorleiter und der Chöre gleichermaßen wahrt.“
Verglichen mit dem seit 1920 bestehenden Fachverband Deutscher Berufschorleiter (FDB) ist der 1992 aus dessen Umfeld heraus gegründete ICV ein recht junger Verband. Um das Jahr 2000 herum war es recht still um den ICV geworden, doch mit Übernahme des Vorsitzes durch Hermannjosef Roosen ab 2001 ging es aufwärts: „Es ist wieder Leben im Verband“, freut sich Merzhäuser, der den Posten des ersten Vorsitzenden im November vergangenen Jahres von Roosen übernommen hatte.
Die neue Dynamik lässt sich einerseits an steigenden Mitgliederzahlen, andererseits an der Internetpräsenz des komplett ehrenamtlich arbeitenden Verbands ablesen. Sie soll vor allem dazu dienen, die Chorleiter untereinander und mit anderen Bereichen der Chorszene unbürokratisch in Kontakt zu bringen – sei es zum Austausch über Fragen der Probenmethodik, zur Programmgestaltung oder als Kontaktstelle zu Dozenten, Juroren, zu Komponisten und Musikverlagen. „Networking“ ist für Merzhäuser das wichtigste Stichwort, übrigens nicht nur innerhalb Deutschlands: „Die Chorszene wird zunehmend international, daher möchten wir unseren Verband für den Austausch mit Chormusikern aus anderen Ländern öffnen und so letztlich auch die Verbreitung internationaler Chorliteratur fördern.“

Vernetzter Verband

Diesem Ziel ein gutes Stück näher gekommen ist der Verband durch die vor kurzem begonnene Kooperation mit der Initiative Europa Cantat. So können die Chorleiterinnen und Chorleiter im ICV neben neuen Kontakten und Informationen auch die Seminare von Europa Cantat zum reduzierten Preis besuchen. „Uns geht es darum, den Verein nicht von anderen abzukapseln, sondern möglichst viele Leute ins Boot zu holen“, sagt Matthias Merzhäuser. Und selbstverständlich liegt einem solchen Verband der Chorleiter-Nachwuchs besonders am Herzen: Dazu gehört die Vermittlung von Hospitanzen für Berufsanfänger bei erfahrenen ICV-Mitgliedern ebenso wie die fachliche Unterstützung junger Chorleiterinnen und Chorleiter, die in ihrer Arbeit neue Wege gehen möchten. Die neuen Angebote – auch die Vernetzung mit dem Arbeitskreis der musizierenden Jugend (AMJ) und deren wegweisenden Chorleiterseminaren gehört dazu – stoßen auf steigende Resonanz, und darüber freut sich zu Recht Matthias Merzhäuser: „Ich merke richtig, jetzt tut sich was, es wird jeden Tag mehr.“

Artikel von Eva Krautter in Neue Chorzeit, September 2008
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